treppe

Oh Treppe, du Banalität des Alltags, du übersprungene, mit Füssen getretene und kaum bedachte Feinheit unserer Zivilisation! Mit Schuhen wirst du bestampft, von tausend Fussgängern passiert, bestiegen und betreten; ungeachtet bleiben deine Raffinessen und Details beim Erklimmen und Erklettern, beim Hinauf- und Hinabgehen über deine Stufen! Keine Bewunderung erhältst du für deine Standhaftigkeit, Tragfähigkeit oder dein so exquisites Design! Nie wird deine Passgenauigkeit, deine so elegante und doch so simple Genialität, zwischen Untergeschoss und Obergeschoss eine derart angenehm überwindbare Verbindung zu schaffen, nur im Ansatz gewürdigt! Kaum einer lässt sich herab, deine Myriaden von Formen, Farben, Ausführungen und Anfertigungen zu bewundern! Nur mit etwas Glück ist deine römische Bestufung Teil eines unscharfen Touristenfotos der Spanischen Treppe, oder deine steile Steigung Ursache eines ungeschickten Falles in einem für die Nachwelt ach so wertvollen Video festgehalten!

Oh du lotrechtes Erschliessungsbauteil, du bescheidene Überwinderin der Höhenunterschiede! Seist du hölzern, stählern, steinern, gläsern; gemauert, gezimmert, gehauen, gegossen, gefräst; ob von hüpfenden Kindern, schnellenden Jungen, schlurfenden Alten, schleichenden Männern oder torkelnden Frauen du erstiegen wirst – alle nehmen dich, oh du heldenhafte Antagonistin der Gravitation, im Schwung, im Laufschritt, im ersten Anlauf, mit Mühen oder gar nicht (weil Lift) – doch einen zweiten Gedanken bist du deinen Erklimmern nicht wert.

Sei es als Stiege, Stufe, Stägli, oder Sprossen; als Aussentreppe, Innentreppe, Wendeltreppe; ob Scala, Rolltreppe, Kellertreppe oder Dachbodentreppchen, deine Allgegenwart macht dich unsichtbar und dein tausendjähriges Bestehen wird schweigsam hingenommen.

Auch deine Cousine wird in den selben Topf geworfen. Denn was wäre der Mensch ohne Trittleiter, Ausziehleiter, ohne FÜÜHRWEEHRDRÄILEITERE!!; ohne Gangway, Strickleiter, Bockleiter: Der Mensch wäre ein bodenhaftendes, stets nach oben schauendes, jämmerliches NICHTS. Oh Leiter, oh Treppe, was müssen wir euch dankbar sein!

Denn es muss gesagt werden, dass wir ja wohl nirgends wohin kämen, würden Treppen keine Höhenunterschiede überwinden. Man stelle sich vor, da stünde man im Erdgeschoss des neu erworbenen Eigenheims, neben sich das Klavier, mit erhobenem Haupte das lichte Klavierzimmer in der zweiten Etage erblickend! Oder können Sie sich vorstellen, wie der Präsident der Vereinigten Staaten sich würdevoll aus der geöffneten Tür seiner Airforce One bückt, lächelnd in die bereitstehenden Kameras winkt um dann elegant die Badeenten-gelbe, aufgeblasene Notrutsche hinunterzusausen? Anschliessend die First Lady erst mit grazilen Bewegungen, hundertfach geübt ihre High Heels ausziehend, um keine deflationierende Wirkung zu erzielen?

Was musst du erleiden, wenn täglich Füsse, beschuhte Füsse, besockte Füsse, bare Füsse, grosse Füsse, Schweissfüsse, dicke Füsse, Frauenfüsse, Kinderfüsse, Hundepfoten, Wanderfüsse und Stolperfüsse dich, ohne dich richtig wahrzunehmen betreten, vor der Antrittsstufe stehend und dich mit einer wahrlich unverschämten Alltäglichkeit in Angriff nehmend, sich höchst unbewusst um dein wohlgewähltes Steigungsmass kümmernd, völlig beiläufig mit der Ferse auf der Trittstufe aufsetzen – freilich sich an der Vorderkante verhakend und verärgert ausbalancierend – um dann jedoch ohne zu zögern abzurollen und, das Futterbrett (also die Trittstufe, also die Stossstufe) komplett ausser Acht lassend, sich auf die nächste Trittfläche setzen, um dieselbe Bewegung sogleich zu wiederholen, eine weitere Stufe ersteigend, und so weiter, bis die Austrittsstufe erreicht ist und deine Erklimmung mit dem nachhallenden Klang der Schritte aus des Ersteigenden Erinnerung erlöscht.

Und dasselbe von oben nach unten.

Schon die alten Ägypter wussten Treppen zu schätzen. Was sind die Pyramiden anderes als kunstvoll aneinander gelehnte Treppen? Die Römer hauten sie sich aus Marmor, der Helvetier baute sie an den Niesen – berühmte Treppen gibt es zuhauf, doch wer würdigt das heute noch?

Freilich nicht nur als Bauelement bist du anzutreffen, nein, auch als Stilfigur finden wir dich um uns. Die Karriereleiter liesse sich ohne dich kaum erklimmen, ohne Stufen gäbe es keine Hierarchie und Jakobsleitern führten kaum ins Reich der Träume.

Dem unschätzbaren Wert der Treppen dieser Welt zum Trotz fordere ich eine Welt, die weniger Treppen braucht! Mehr Lifte müssen die Stockwerke unserer Gesellschaft verbinden, von ganz unten bis oben im Schnelltempo wie im One World Trade Center und von oben bis zuunterst genauso schnell, damit nicht nur die mit den kräftigsten Wadli von oben an der Treppe auf andere unter sich hinunterschauen können. Baut mehr Treppenlifte, damit das Karriereleitersteigen nicht zum Privileg einer fitten Minderheit wird!

Und so sei gesagt:

Scalaloginnen der Welt, vereinigt euch!

Treppensteiger nah und fern, würdigt die Treppen, die ihr steigt!

Und macht erst einen Schritt auf die nächstuntere Stufe, bevor ihr auf jemanden hinunterschaut.